Wieserhof
Mehrgenerationenhaus und Kunstraum Lind.Art
Truden i.N. | Südtirol
Mitten im historischen Ortskern des beschaulichen Dorfes Truden im Naturpark entsteht an jener Stelle, an der einst der dorfbekannte Wieserhof stand, ein Haus für das Dorf. Es nimmt die gewachsene Dorfstruktur auf, knüpft an die Erinnerung seiner Geschichte an und schafft zugleich, als selbstverständlicher Teil des gewachsenen Gefüges, Raum für neue Geschichten. Wohnen, Begegnung und Kultur finden hier zusammen und bilden einen lebendigen Treffpunkt für unterschiedliche Generationen. Die Architektur nimmt sich dabei zurück und vertraut auf die Kraft des Bestehenden – auf die Struktur des Dorfes, seine Materialität und das Leben seiner Bewohner. Die Setzung des Gebäudes orientiert sich am ursprünglichen Wieserhof. Nahezu an gleicher Stelle und mit vergleichbaren Proportionen wiedererrichtet, reiht sich das Haus in die bestehende Häusergruppe ein und stärkt den räumlichen Zusammenhang des Dorfes. Seine Vorplätze, Wege und Freiräume knüpfen an vertraute Strukturen an und schaffen zeitgemäße Orte der Begegnung, die selbstverständlich wirken, als wären sie schon immer Teil des Ortsgefüges gewesen. Der Wieserhof versteht sich als Haus für die Gemeinschaft. Im Erdgeschoss öffnen sich der zweigeschossige Kunstraum Lind.Art, ein Mehrzweck- und Seniorenraum sowie die Bäckerei mit Bar zum öffentlichen Leben des Dorfes. Der eingefasste Garten erweitert die Innenräume ins Freie und bietet Raum für Veranstaltungen, Gespräche und gemeinsames Verweilen. Der Vorplatz bildet dabei die Schnittstelle zwischen Haus und Dorf – ein Ort des Ankommens, der Begegnung und des alltäglichen Austauschs. In den Obergeschossen entstehen sechs Wohnungen für unterschiedliche Generationen und Lebenssituationen. Gemeinschaftsküche, Pflege- und Dienstzimmer ergänzen das Angebot und schaffen die Voraussetzungen für ein Zusammenleben, das auf Nähe, gegenseitiger Unterstützung und Teilhabe beruht. Der soziale Gedanke ist dabei nicht nur Programm, sondern räumlich erfahrbar. Die Architektur schafft den Rahmen dafür, ohne sich selbst in den Vordergrund zu stellen. Die Gestalt des Hauses entwickelt sich schließlich aus dem Ort. Vertraute Elemente der örtlichen Baukultur werden weitergedacht und in einen zeitgenössischen Kontext überführt. Die verputzten Fassaden aus eigefärbtem Kratzputz, das Satteldach mit Mönch-Nonne-Eindeckung und die präzise gesetzten Öffnungen nach innen, fügen sich selbstverständlich in das Dorfbild ein. Unbehandeltes Weißtannenholz für Fenster, Türen und Geländer altert auf natürliche Weise und lässt das Gebäude mit den Jahren zunehmend Teil seiner Umgebung werden. Auch im Inneren bleibt die Konstruktion ablesbar. Ein massiver Sockel aus Sichtbeton trägt den darüberliegenden Holzbau aus Fichte. Die Materialien erinnern an jene Einfachheit und Klarheit, die den historischen Wieserhof prägten – an den steinernen Unterbau und den hölzernen Stadel. Beton und Holz bestimmen die Atmosphäre des Hauses und verleihen den Räumen Ruhe, Beständigkeit und Wärme. Die unterschiedlichen Nutzungen finden ihren jeweiligen Ausdruck in der Materialisierung. Der Kunstraum bleibt bewusst zurückhaltend und robust. Sichtbeton bildet einen neutralen Hintergrund für wechselnde Ausstellungen und Veranstaltungen. Demgegenüber schafft der Mehrzweckraum mit seiner Fichtendecke und den Möbeln aus Tannenholz eine warme, beinahe vertraute Atmosphäre. Die Wohnungen setzen diese Haltung fort und vermitteln Geborgenheit durch die Präsenz des Holzes und die Klarheit der Raumgestaltung. Die Erinnerung an den ursprünglichen Wieserhof bleibt dabei spürbar. Aus dem Holz der ehemaligen Stube gefertigte Garderobenelemente wurden in das neue Gebäude übernommen. Sie erzählen von der Geschichte des Ortes und verbinden Vergangenheit und Gegenwart auf stille Weise. Der Wieserhof ist ein Pionierprojekt für Truden. Er verbindet Wohnen, Kultur und Gemeinschaft unter einem Dach und schafft einen Ort, der den gesellschaftlichen Wandel aufnimmt, ohne die Identität des Dorfes zu verlieren. Seine Architektur sucht nicht die Aufmerksamkeit, sondern die Selbstverständlichkeit. Klare Detaillösungen, langlebige Materialien und die sorgfältige Einbindung in den Bestand schaffen ein Haus, das nicht gestaltet wirken möchte, sondern Zugehörigkeit erzeugt. Beheizt wird das Gebäude über das gemeindeeigene Fernheizwerk. Die Verwendung regionaler Materialien, kurze Wege und eine dauerhafte Bauweise unterstreichen den nachhaltigen Anspruch des Projekts. So entsteht ein Haus, das aus dem Ort heraus gedacht wurde. Ein Haus für Menschen unterschiedlicher Generationen, für Kultur und Begegnung. Ein Haus, das sich zurücknimmt und gerade dadurch Identität stiftet.
Typologie: Öffentlich, Mehrgenerationenhaus, Kunstraum, Mehrzweckraum, Dienstleistung
Standort: 39040 Truden i.N.
Lage: 1150 m
Grundstücksfläche: 450m²
Wohnnutzfläche: 800m²
Gesamtkubatur: 3350m³
Projekt und Realisierung: 2020 – 2026
Energiekonzept: Fernwärme
Fotos: Gustav Willeit




























